Die fast einjährige Weltreise von Adolf Reichwein in die USA, nach Kanada, Alaska, Mexiko und Ostasien glich eher dem Roadmovie eines Draufgängers als einer klassischen Bildungsreise. Nach seiner Ankunft an der US-Ostküste im Jahr 1926 kaufte sich der damals 28-jährige ein gebrauchtes Ford Modell T – die berühmte „Tin Lizzy“. Adolf Reichwein baute den Wagen so um, dass er darin schlafen, kochen und arbeiten konnte. Er nannte das Gefährt stolz sein „fahrendes Hotel“. In den 1920er Jahren gab es in den USA abseits der großen Städte kaum asphaltierte Straßen. Die Durchquerung des Kontinents von der Ost- zur Westküste war eine Buckelpiste aus Schlamm, Staub und Schotter. Die Tin Lizzy war zwar robust, besaß aber nur 20 PS, Holzspeichenräder und keine modernen Bremsen. Adolf Reichwein hatte unterwegs mehrere schwere und gefährliche Autounfälle, ließ sich davon aber nicht stoppen und reparierte den Wagen immer wieder. Er reiste ausserdem mit minimalem Budget, was den Umbau des Autos zu einem Wohnmobil überhaupt erst nötig machte, um Hotelkosten zu sparen. Während er oft extrem unkomfortabel campte, tippte er parallel auf einer Schreibmaschine an seinem wissenschaftlichen Buch über die globalen Rohstoffe.
Adolf Reichwein reiste quer durch das Land, um den amerikanischen Kapitalismus und die Industrialisierung an der Wurzel zu verstehen. Er besuchte die gigantischen Autowerke von Henry Ford in Detroit und war fasziniert und erschrocken zugleich von der dortigen Effizienz und der extremen Taktung der Arbeit. Ihn interessierte die amerikanische Mentalität und er beobachtete akribisch, wie die US-Bürger tickten. Nach der Durchquerung der USA durchquerte er Westkanada und reiste bis nach Alaska, um dort die unberührte Natur und den Bergbau aus nächster Nähe zu sehen.
Erst an der Westküste trennte er sich von seinem Auto: Eigentlich wollte er weiter nach Mexiko fahren, änderte aber spontan den Plan und heuerte auf dem US-amerikanischen Schiff „President Madison“ nach Asien an. Die Mexiko-Reise holte er erst auf dem Rückweg nach. Er arbeitete als Kadett an Bord des Schiffes ohne Lohn, erhielt dafür aber freie Überfahrt und Verpflegung. Er nutzte die lange Zeit auf dem Pazifik auch, um die Dynamik der Schiffsbesatzung und die Lebensbedingungen auf See zu studieren.
In Asien bereiste er China, Japan und die Philippinen. Er untersuchte, wie sich die asiatischen Märkte gegenüber dem westlichen Kapitalismus positionierten und wie die dortigen Rohstoffe abgebaut und verschifft wurden. Abseits dieser Aspekte dokumentierte er intensiv den Alltag, die Spiritualität und die sozialen Umbrüche der einfachen Bevölkerung, was er später auch in seinen Erzählungen wie „Erlebnisse mit Tieren und Menschen“ verarbeitete.
Die Reise in Mexiko hinterließ bei Adolf Reichwein einen so bleibenden Eindruck, dass er dem Land 1930 das eigene Buch „Mexiko erwacht“ widmete. Das Land befand sich in der Nachphase der Mexikanischen Revolution. Reichwein interessierte sich brennend für die Landreformen und untersuchte, wie der Agrarstaat versuchte, sich aus der kolonialen und US-amerikanischen wirtschaftlichen Abhängigkeit zu befreien. Er reiste quer durch das Land, fotografierte Landschaften, indigene Völker und die sozialen Kontraste. Er bewunderte den dortigen Versuch, eine eigenständige, moderne Identität abseits des westlichen Hyper-Industrialismus zu entwickeln. Vor Ort besichtigte er Minen und landwirtschaftliche Großbetriebe, um die Verteilung von Bodenschätzen, wie z.B. Silber und Erdöl zu analysieren.
Alle diese Eindrücke – die US-Fließbandarbeit, das raue Alaska, Mexikos Revolution und Asiens Aufstieg – flossen direkt in sein wirtschaftsgeografisches Werk „Die Rohstoffwirtschaft der Erde“ (1928) ein. Die Weltreise veränderte auch Adolf Reichweins Blick auf das Lernen: Zurück in Deutschland wurde er zu einem der wichtigsten Vertreter der Reformpädagogik, speziell in der Arbeitsschulbewegung, die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts eine der einflussreichsten Strömungen innerhalb der Reformpädagogik war. Die Arbeitsschule sollte bei Adolf Reichwein kritische und selbstständig denkende Menschen erziehen, die gesellschaftliche Missstände hinterfragen und die Welt als Ganzes verstehen.
Seine Erkenntnisse aus den Fabriken der USA, den Feldern Mexikos und der Schiffsarbeit setzte er ab 1933 auch in der Dorfschule in Tiefensee (Brandenburg) praktisch um. Er sah die Schule als Mikrokosmos der Welt. Wer als Kind gelernt hatte, die Rohstoffe des eigenen Dorfes zu verstehen, die Schulgemeinschaft zu organisieren und selbstständig Probleme zu lösen, der war in seinen Augen auch besser für die komplexe, globale Welt gewappnet, die er auf seiner Reise gesehen hatte. Für ihn war Schule keine Lehranstalt, sondern eine Lebensgemeinschaft. Die Schule sollte den Charakter formen und Solidarität lehren, Sein berühmtes Buch „Schaffendes Schulvolk“ (1937) ist das direkte pädagogische Vermächtnis dieser Philosophie.