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ADOLF REICHWEIN

Reformpädagoge & Widerstandskämpfer

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LEBENSWEG

Herkunft & Jugend (1898–1914)
Adolf Reichwein wurde am 3. Oktober 1898 in Bad Ems geboren. Sein Vater war Volksschullehrer. Im Gegensatz zum damals vorherrschenden preußischen Gehorsamsideal pflegten seine Eltern einen liberalen, humanistischen Geist. Durch den Beruf seines Vaters kam er früh mit den unterschiedlichen sozialen Schichten in Berührung.
Als Jugendlicher schloss er sich dem „Wandervogel“ an, einer Jugendbewegung, die auch ein Protest gegen die autoritäre Schule und das steife Bürgertum war. Auf den Fahrten in die Natur und an den Lagerfeuern erlebte Adolf Reichwein eine Form von Basisdemokratie und Kameradschaft, die nicht auf Rang oder Stand basierte. Hier wurzelt seine spätere Überzeugung, dass Lernen durch Erleben geschieht. Die Idee der „Fahrt“  – das Hinausgehen in die Welt – wurde später ein zentrales Element seiner Reformpädagogik.

Kriegserfahrung
 (1914–1919)
Adolf Reichwein meldete sich 1914 freiwillig zum Kriegsdienst und kam als Artillerist zum Einsatz. Wie viele junge Intellektuelle sah er im Krieg zunächst eine Art „reinigendes Gewitter“, das die verkrustete wilhelminische Gesellschaft aufbrechen sollte. 1917 wurde er durch einen Lungensteckschuss lebensgefährlich verletzt und begann während der langen Lazarettaufenthalte den Krieg tiefgreifend zu hinterfragen. Zurück im zivilen Leben fand er in Frankfurt nicht nur neue Impulse, sondern lernte auch Eva Hillmann kennen, die er 1920 heiratete.

Studium
 (1921)
Adolf Reichwein promovierte an der Universität Marburg bei dem Historiker Friedrich Wolters. Seine Dissertation trug den Titel „China und Europa: geistige und künstlerische Beziehungen im 18. Jahrhundert“. Er untersuchte darin den Einfluss der chinesischen Kultur und Philosophie auf die europäische Aufklärung und auf die Kunst. Er sah in der Begegnung der Kulturen eine Chance zur gegenseitigen geistigen Befruchtung – ein Thema, das sein Eintreten für Weltoffenheit und Humanismus begründete.

Schicksalsschlag & Weltreise(1923–1926)
1923 wurde der Sohn Gert geboren, der jedoch bereits im Alter von nur zwei Jahren durch einen Unfall verstarb. Dieser Schicksalsschlag hatte tiefgreifende Auswirkungen auf den Lebensweg von Adolf Reichwein. Die Weltreise nach Nordamerika (USA), Mexiko, Japan und China war für ihn auch ein Versuch, dem überwältigenden Schmerz zu entkommen. In den USA galt sein besonderes Interesse der modernen Industrialisierung und den dortigen Ansätzen der Arbeitserziehung. Diese Reise war entscheidend für sein Verständnis globaler wirtschaftlicher Verflechtungen, die er 1928 in seinem Buch „Die Rohstoffe der Erde“ publizierte.

Bildung & Pädagogik
 (1926-1929)
Adolf Reichwein übernahm nach einer Zeit als Sekretär des Thüringer Volkshochschulverbandes die Leitung der Volkshochschule Jena sowie des damit verbundenen Volkshochschulheims. Dort begegneten sich Lehrer und Schüler auf Augenhöhe. Man lernte nicht nur zusammen, sondern gestaltete den gesamten Alltag in einer Gemeinschaft zusammen. Dieser Ansatz sollte soziale Barrieren abbauen und ein gemeinsames, intensives Lernen ermöglichen, das über reines Fachwissen hinausging. Adolf Reichwein integrierte Sport, Freizeitgestaltung und politische Bildung in das Programm. Er verstand die Volkshochschule nicht als reine Abendschule, sondern als Ort der demokratischen Erziehung. Das machte ihn auch überregional bekannt und er wurde 1929 zum persönlichen Referenten und Leiter der Pressestelle des preußischen Kultusministers Adolf Grimme berufen.

Professur in Halle
 (1930)
Die Berufung Adolf Reichweins an die Pädagogische Akademie in Halle (Saale) im Jahr 1930 markierte den Höhepunkt seiner akademischen Laufbahn. Er wurde Professor für Geschichte und Staatsbürgerkunde und war mit nur 31 Jahren einer der jüngsten Professoren Deutschlands. Er war überzeugt, dass die Weimarer Republik nur überleben könne, wenn die Lehrkräfte eine neue Generation von „Demokraten mit Rückgrat“ heranzögen. Er experimentierte in Halle bereits mit Formen des selbstgesteuerten Lernens: Er ersetzte den Frontalvortrag oft durch Arbeitsgemeinschaften und Seminare, in denen Diskurs auf Augenhöhe herrschte. In diese Zeit des Umbruchs fiel auch sein privater Neuanfang, denn 1933 heiratete er in zweiter Ehe Rosemarie Pallat. Aus dieser Verbindung gingen vier Kinder hervor.

Die Schule in Tiefensee (1933–1939)
Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen, wurde Adolf Reichwein aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ fristlos in Halle entlassen. Er lehnte den Ruf auf eine Professur in Ankara ab und erhielt eine Stelle als Dorfschullehrer in Tiefensee, einem kleinen Ort in Brandenburg, 40 km von Berlin entfernt. Dort unterrichtete er die Kinder aller Jahrgangsstufen gleichzeitig. Hier schrieb er sein Werk „Schaffendes Schulvolk“, in dem er eindrücklich bewies, dass man auch mit einfachen Mitteln eine Erziehung zur Selbstständigkeit leisten kann. Die Kinder verbrachten Stunden im Garten – sie lernten Biologie beim Anbau von Gemüse und Mathematik beim Berechnen der Erträge. Reichwein schaffte Bienenstöcke an und die Kinder trugen Verantwortung für die Lebewesen. Er zog mit den Kindern durch die märkische Heide und sie zeichneten Karten und beobachteten Vögel. Entgegen dem staatlich verordneten NS-Drill verwandelte er die Schule von Tiefensee in eine kreative Werkstatt. Adolf Reichwein war auch ein Pionier des Unterrichtsfilms: Obwohl er in einem abgelegenen Dorf war, zeigte er den Kindern Filme über ferne Länder und Kulturen und brachte so die Welt nach Tiefensee.

Museum für Volkskunde
 (1939)
Adolf Reichwein war in der märkischen Provinz politisch isoliert und zog mit der Familie zurück nach Berlin. Er wurde Abteilungsleiter am Museum für Volkskunde in Berlin mit dem Auftrag, die Zusammenarbeit zwischen Museum und Schule zu fördern. Er auch für die „Reichsanstalt für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht“ (RWU) tätig. Die Arbeit erlaubte es ihm, viel durch das Land reisen und diente so auch als Tarnung während der Zeit des Widerstandes, um Kontakte zu knüpfen und Informationen auszutauschen.

Kreisauer Kreis & Widerstand
 (1940er)
Über den ehemaligen preußischen Kultusminister Adolf Grimme und Peter Yorck von Wartenburg fand Adolf Reichwein Kontakt zum Kreisauer Kreis um Helmuth James von Moltke. Bei den geheimen Treffen auf dem Gut Kreisau in Schlesien drängte Adolf Reichwein darauf, den Widerstand auf eine möglichst breite Basis zu stellen. Er war überzeugt, dass der Widerstand nicht nur eine Sache von Offizieren und Adligen war, sondern auch die Arbeiterschaft und die Gewerkschaften einbeziehen sollte. In den Kreisauer Treffen war er der federführende Kopf für die geplante Neuordnung des Erziehungswesens und sollte zukünftig für das Bildungs- und Kulturressort zuständig sein.

Verhaftung & Hinrichtung (1944)
Am 22. Juni 1944 traf sich Adolf Reichwein mit einer Gruppe von Kommunisten und wurde durch den Gestapo-Spitzel Hermann Rambow verraten, der an dem Treffen teilnahm. Am 4. Juli 1944 wurde Adolf Reichwein auf dem Weg zu einem weiteren Treffen von der Gestapo verhaftet. Gemeinsam mit anderen Widerstandskämpfern wie Julius Leber und Hermann Maaß wurde ihm „Vorbereitung zum Hochverrat“ und „Feindbegünstigung“ vorgeworfen. Am 20. Oktober 1944 wurde vom sog. Volksgerichtshof in Berlin das Todesurteil gegen ihn unter dem Vorsitz des berüchtigten Richters Roland Freisler gefällt. Noch am selben Tag wurde Adolf Reichwein in der Strafanstalt Berlin-Plötzensee ermordet.

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